Fünfter Drehtag NRW (Düren)
Samstag früh um sieben Uhr stehe ich in der Hotellobby und warte auf Bjarne Henriksen. Ob er heute drehen kann, ist völlig unklar. Der Freitag war drehfrei. Offensichtlich war bei Bjarne die verschleppte Erkältung in dem Moment, als die Anspannung der vergangenen Drehtage nachließ, so richtig ausgebrochen. Heiße Bäder, Massagen und Ruhe hatten nichts bewirkt. Von Fieber und Schnupfen geplagt benachrichtigte er spät abends die Produktionsleiterin, Annette Schilling.
Große Aufregung. Die Produktion ist zwar versichert, wenn ein Schauspieler ausfällt und deshalb ein Drehtag verschoben werden muss – aber ein so großes Team an einem anderen Tag erneut zusammenzubringen, macht unglaublich viel organisatorische Arbeit. Ganz abgesehen davon, dass damit der gesamte Zeitplan ins Rutschen gerät.
Außerdem war es zu spät, um den Samstag abzusagen, denn bereits um 5.30 Uhr sollten die Vorbereitungsarbeiten am Drehort in Düren beginnen. Also Krisentelefonat Freitagnacht zwischen Annette Schilling und mir. Das Ergebnis: Ich fahre Samstag früh mit Bjarne zum Arzt, Annette Schilling wie geplant zum Drehort. Ganz gleich, ob Bjarne später wird arbeiten können oder nicht – wir wollen auf jeden Fall schon einmal die Einstellungen drehen, in denen Bjarne nicht gebraucht wird.
Bjarne ist warm eingepackt, als er mir in der Hotellobby entgegenkommt. Wir haben Glück, wir sind die Ersten in der Notarztpraxis. Als Bjarne aus dem Behandlungszimmer zurückkommt, hat er ein Rezept in der Hand und meint, wir sollten jetzt zum Drehort fahren. Ob er denn wirklich arbeiten könne, frage ich noch einmal. Bjarne nickt. Ich rufe Annette Schilling an – große Erleichterung. Dann machen wir uns auf den Weg nach Düren – mit einem Zwischenstopp bei der Apotheke und bei einem Bäcker: Mineralwasser und ein Brötchen mit Salami – Bjarne frühstückt heute bei mir im Auto.
Es ist kalt in Düren, die Szenerie gespenstig. Eine wassergefüllte Senke inmitten einer großen Grünfläche. Birkenstämme ragen weiß in den Himmel. Die Kronen sind abgebrochen, die Bäume schon lange abgestorben, weil sie mit den Wurzeln im Wasser stehen. Eine wichtige Szene wird hier gedreht: Der Adler steht in der Sumpfsenke, rundherum Wasser, Pflanzen und unwägbares Gelände. Fräulein Stinnes stochert mit einer Stange im Wasser und Schlick, um festzustellen, ob es möglich ist, mit dem Wagen weiter zu fahren. Heidtlinger, der Mechaniker, will nicht mehr mitmachen. Er will sein Leben nicht weiter für dieses „Scheißunternehmen“ aufs Spiel setzen.
Für Schauspieler und Team keine einfache Aufgabe. Mit wadenhohen Gummistiefeln waten sie durch die Senke, bauen die Kameras auf und suchen die beste Position. Damit das Team und die Schauspieler nicht so lange im kalten Wasser herumstehen müssen, hat die Produktionsleitung eine zweite Kamera genehmigt – das bedeutet, dass jeweils zwei unterschiedliche Perspektiven gleichzeitig gedreht werden können. Das spart Zeit. Außerdem gibt es heute zusätzlich einen Wohnwagen mit warmer Dusche – zum Aufwärmen für zwischendurch.
Sandra Hüller ist bereits geschminkt und im Kostüm, als ich mit Bjarne am Set ankomme. Sie steht am Cateringwagen und frühstückt. Bjarne verschwindet sofort im geheizten Maskenwagen. In der Senke trifft das Team die letzten Vorbereitungen für die erste Probe. Der Drehtag ist gerettet – mit nur ein wenig Verspätung, aber durch die zweite Kamera, wird die verlorene Zeit schnell wieder eingeholt. Annette Schilling und ich holen nun in Ruhe unser ausgefallenes Frühstück nach.
Kompliment! Die Eifel sieht bei Euch wirklich aus wie Sibirien. Das Foto, auf dem der Wagen in dem Sumpf zwischen Birken steckt, atmet wirklich Tundra-Atmosphäre. Auf Weltreise mit einem Auto - und das 1927. Wann kann man die “Matsch-Sinfonie” im Fernsehen bewundern?
Kommentar von Manfred Rogge — Mo 3.März 2008, 19:06
Danke!
Der Film wird Anfang 2009 in den Kinos zu sehen sein, im Fernsehen dann etwas später ca. Ende 2009.
Kommentar von Nadine Haase — Di 4.März 2008, 9:58
Ich hoffe, Ihr habt auf schwarzweiß gedreht. Bunte Bilder sehen nämlich immer so clean aus. Ich befürchte, dass wird so ein Eventmovie wie die “Gustloff”…
Kommentar von Karl Bartschok — Di 11.März 2008, 6:53
Die im Fernsehen, die wollen doch gar kein Schwarzweiß mehr! Da denkt der Zuschauer, der Fernseher wäre kaputt und ruft beim Sender an. Verlass Dich drauf: Die “Stinnes” wird farbig! Definitiv! Und hübscher als in echt wird die auch - sieht man doch schon auf den Fotos.
Kommentar von Gerd Dederichs — Mi 12.März 2008, 7:38
In Requiem war die Hüller super - aber den Kerl, den kennt doch keiner in Deutschland. Der steht nicht mal auf der DVD-Hülle von “Das Fest”. Kennt den jemand? Zweite Liga?
Kommentar von Bernd Bott — Mi 12.März 2008, 7:41
Hallo Zusammen!
Also der Film wurde in Farbe gedreht. Die Original-Ausschnitte bleiben natürlich in S/W. Sandra und Bjarne sind zwei super Schauspieler, Sie werden sehen… Sandra ist der echten Clärenore Stinnes ziemlich ähnlich. Ihr Sohn Ulf Södeström war richtig überrascht, als er sie am Set kennen gelernt hat. Mehr dazu gibt es ab heute Nachmittag im Tagebuch.
Liebe Grüße von taglicht media
PS: Ich finde es übrigens nicht wichtig, dass man auf einer DVD-Hülle steht. Dies alleine ist kein Zeichen für Professionalität.
Kommentar von Nadine Haase — Mi 12.März 2008, 10:04
Bjarne Henriksen wird übrigens bald auch im Deutschen TV zu sehen sein. Die in Dänemark sehr erfolgreiche Thriller Serie „Forbrydelsen“ (Verbrechen - 20 Tage im November) wurde 2007 sogar für den Emmy nominiert.
Kommentar von Nadine Haase — Mi 12.März 2008, 14:24
Super Idee, super Einsatz!!
Habe das Buch gelesen.
Habe 20zig Jahre in der Eifel gelebt.
Bin gerne nach Irmenach gefahren, um die Kurven dort nachzuempfinden, die Frau Stinnes mit ihrem Volvo gezogen hat.
Lebe jetzt am Avus.
Leider muss man solche Persönlichkeiten suchen, werden sie gefunden, hat man ein Tagebuch vor sich.
Heute zählt der wiedergefundene Blackberry als Abenteuer.
Kommentar von Stiefy — Mo 20.April 2009, 16:16