Eine Produktion von taglicht media

Der Adler, unser dritter „Hauptdarsteller”

Vorgeschichte — Wie alles begann

Die Szenenbildnerin, Anina Diener, bereitet den Adler für den nächsten Dreh vor. Foto: Anja KemperAls mir im Februar 2007 die Regisseurin, Erica von Moeller, deren Filme „Hannah“ (2006) und „Sainkho“ (2001) ich bereits kannte, von einem Semidokumentarfilmprojekt erzählte, bei dem es um eine Weltumrundung mit einem Auto geht, war ich sofort begeistert (auch wenn ich mir durchaus bewusst war, dass es kein Spielfilm-Budget geben würde).

Es sollte ein Dokudrama über die Weltreise von Clärenore Stinnes, der Tochter des Mülheimer Großindustriellen Hugo Stinnes, für Kino und Fernsehen produziert werden. Fräulein Stinnes war schon als kleines Mädchen von Autos und Reisen begeistert; mit 18 Jahren fing sie an Autorennen zu fahren. Sie gewann u.a. den Großen Preis von Moskau, an dem sie als einzige Frau teilnahm.

Originalbild: Adler Standard 6 und der dazugehörige Beiwagen zur Verfügung gestellt von den Adler WerkenUm ihre Unabhängigkeit von ihrem Elternhaus zu demonstrieren und, um der Welt zu beweisen, wie gut deutsche Industriearbeit ist, beschloss sie 1926 die Weltreise zu unternehmen. Sie suchte sich Sponsoren und fand sie unter anderem bei den Adler Werken in Frankfurt am Main. Für ihre Expedition stellte man ihr einen fabrikneuen Adler Standard 6, einen LKW als Beiwagen, Ersatzteile und 2 Mechaniker zur Verfügung.

Noch bevor mit der Regisseurin, Erica von Moeller, die eigentliche Arbeit, nämlich die Vorbereitung auf den Dreh, begann, machte ich mich auf die Suche nach dem dritten „Hauptdarsteller“, dem Adler. Wir brauchten ein Fahrzeug, das vor fast 80 Jahren gebaut wurde und, das im Jahr 2008 zuverlässig all das ausführen sollte, was im Drehbuch stand: fast im Schlamm versinken, durch die Wüste fahren, extreme Abhänge runterrasen, in starkem Regen stehen usw.

Extremsituation: Der Adler hängt im Sumpf fest – Foto: Ali Schmidt

Für ein historisches Fahrzeug als Requisit in einem Film gibt es verschiedene Möglichkeiten. Ganz am Anfang steht die Entscheidung, ob man das Auto leihen oder kaufen soll.Da für uns von Anfang an klar war, dass der Adler sehr strapazierfähig sein sollte, denn wir würden mit ihm nach Marokko reisen und er sollte viele extreme Situationen durchmachen, entschieden wir uns einen Wagen zu kaufen. Danach ergaben sich vier verschiedene Optionen.

1. Man baut ein Fahrzeug nach:
Dazu nimmt man einen Abdruck von der Karosserie eines Adler Standard 6. Dieser wird mit Epoxitharz ausgegossen. So entsteht eine Karosserie, die nicht aus Metall ist, sondern aus einem sehr belastbaren Kunststoff. Diese versieht man dann mit einem modernen Motor. Innen und Außen sieht der Wagen exakt aus, wie das Original, nur unter der Motorhaube ist der Wagen ganz modern. Der Vorteil ist, dass man neue Materialien und einen Motor hat, die immer funktionieren. Nachteil: Man darf die Kühlerhaube nicht öffnen, denn dann käme der moderne Motor zum Vorschein. Außerdem wäre der Sound nicht originalgetreu.

2. Man verwendet eine Originalkarosserie:
Das ist eine gute Option, allerdings ist es nicht leicht eine Originalkarosserie zu finden. Hat man ein Original vorliegen, braucht man die Karosserie nur noch mit einem modernen Motor ausstatten.

3. Man kauft ein ähnliches historisches Fahrzeug von einem bereits abgeschlossenen Dreh:
Es gab zufälligerweise gerade ein ähnliches Fahrzeug von einem bereits abgedrehten Film zu kaufen; einen Studebaker Eskine, Baujahr 1928. Dieses Auto hätte man umlackieren und mit den verschiedenen für den Adler charakteristischen Details (Kühlerhauben Figur, Seitlichen Scheinwerfer, Schriften) versehen können.

4. Kauf und Restaurierung eines Originalfahrzeuges:
Die vierte Möglichkeit ist ein Originalauto, einen Adler Standard 6, zu finden, zu kaufen und zu restaurieren. Vorteil: Diese Variante ist historisch korrekt UND dokumentarisch richtig. Nachteil: hoher Preis, hohe Restaurierungskosten, evtl. lange Recherche, lange Restaurierungszeit. Außerdem benötigt man zwei Fahrzeuge, denn durch die alte Mechanik ist das Risiko, dass doch irgendetwas mal nicht funktioniert, enorm hoch. Ein neues Auto kann man schnell austauschen, das geht leider bei einem Oldtimer nicht so leicht!

Alles in allem war es eine komplexe und schwierige Entscheidung mit weit reichenden Konsequenzen für die Dreharbeiten und die gesamte Produktion, die die Produzenten Bernd Wilting und Dr. Uli Veith fällen mussten. Da bei „Fräulein Stinnes …“ das Fahrzeug schon fast eine Hauptrolle einnimmt, waren die Produzenten schließlich so mutig, sich für die vierte Variante, ein Originalauto, zu entscheiden.

Recherche und Kauf

Originalbild: Der Adler Standard 6, mit dem sich Clärenore Stinnes auf Weltreise begeben hat.Der Adler Standard 6, also das exakte Model, mit dem Clärenore Stinnes sich auf die Weltreise begeben hat, wurde nur circa 2500 mal gebaut. Das spannende und faszinierende an meinem Beruf ist, das er mir häufig die Gelegenheiten bietet, immer wieder in neue Welten einzutauchen. Obwohl ich natürlich keine Spezialistin für alte Autos und somit auch nicht für Adler Fahrzeuge oder sonstige Oldtimer bin, waren die ersten Begegnungen in dem für mich neuen Oldtimer-Sammler-Umfeld sehr interessant, aber auch schwierig und delikat: Einige witterten viel Geld, andere sagten mir, es sei unmöglich noch ein fahrtüchtiges Exemplar zu finden. Man hört viele Geschichten und zuerst wird man auch nicht ganz ernst genommen.

Motor und Front des alten, noch nicht restaurierten Adler Favorits, den wir in Cottbus gefunden haben. Foto: Anina DienerIch habe u.a. auch Kontakt zum Adler Veteranen Club aufgenommen und dort festgestellt, wie gut informiert die Szene ist. Alle kannten die Geschichte der Fräulein Stinnes und hatten bereits von unserer Suche nach einem Adler Standard 6 gehört. In Cottbus fanden wir durch eine Anzeige im Internet einen sehr verrosteten Adler Favorit. Da sich dieses Modell nur geringfügig vom Standard 6 unterscheidet, hatten wir damit unseren Filmadler endlich gefunden. Die 3-monatige Recherche, die uns von Deutschland nach Holland, Belgien und Frankreich führte, war zwar aufwendig, letztlich aber Gold wert, denn ich habe dabei erfahren, wer welche Ersatzteile etc. anbietet.

Unser Filmadler wurde vor über 80 gebaut. Es folgte der Zweite Weltkrieg mit der Teilung Deutschlands. In der ehemaligen DDR wurden am Ende des Krieges alle Oldtimer von den Russen beschlagnahmt. Manche Liebhaber vergruben ihre „Schätze“ in der Hoffnung, dass diese „überleben“. Ca. 10 Jahre vor der Wende fing man vorsichtig an, die Fahrzeuge wieder zu bergen.

Innenansicht des Adler Favorits vor der Restaurierung – Foto: Anina Diener

Es stellte sich heraus, dass es leichter war, einen Mercedes zu restaurieren, als einen Adler, denn es gab kaum Ersatzteile. Daher verkauften viele Besitzer ihre Schätze. Auf diesem Weg war „unser“ Adler nach Cottbus gelangt, wo er in einer Scheune seiner Wiederentdeckung und Restaurierung harrte.

Die Restaurierung (inklusive kurzer Film)

Als wir Ende September den Adler in Cottbus entdeckt hatten, machten wir Fotos und schickten diese nach Köln zu taglicht media. Nachdem die Entscheidung gefallen war, den Favorit für den Film zu verwenden, wurde der Wagen Mitte Oktober abgeholt. Auf dem Hof der Werkstatt (die sich auf einem ehemaligem Brauerei Gelände befindet, ein sehr architektonisch passender Hintergrund), passierte dann das Unglaubliche: Der Mechaniker füllte Benzin in den Tank, Öl in den Motor, setzte sich rein, zündete das Auto, und es fuhr… unglaublich, nach so vielen Jahren!!

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Kurzer Film: Die ersten Schritte des Adlers

Die Restaurierungsarbeiten waren sehr langwierig, kompliziert und für alle Beteiligten sehr nervenaufreibend. Aber es machte unglaubliche Freude, den Fortschritt zu sehen, z.B. den Moment mit zu erleben, als der Motor Ende November zum ersten Mal lief. Als all die neu verchromten Teile (Griffe, Kühlerfigur, Kühlergrill etc. ), die blitzten und funkelten geliefert, wurden, und der Sattler die frisch ausgepolsterten und mit Leder bezogenen Sitze und Türverkleidungen in die Werkstatt brachte, war das jedes Mal wie Weihnachten.

Neu verchromte Adler Kühlerfigur – Foto: Ali SchmidtReal rückte Weihnachten tatsächlich immer näher und damit unser letztmöglicher Abfahrttermin nach Marokko: der 28.Dezember 2007; am 15. Januar sollte der Dreh beginnen. Eine Strecke von über 3700 Kilometer standen dem Adler bevor und der Weg führte ihn auf einen anderen Kontinent. Die Werkstatt arbeitete mittlerweile Tag und Nacht, selbst Weihnachten war kein Grund, die Werkzeuge fallen zu lassen.

Seitenansicht auf den Motor des restaurierten Adlers – Foto: Ali SchmidtAuf der ersten Motivreise durch Marokko im September haben die Regisseurin und ich uns sehr viele Gedanken über die Farben für das Auto gemacht. Der Original Adler war flaschengrün und schwarz. Da wir in Farbe drehen würden und der Adler zur Landschaft passen sollte, entschieden wir uns, auch wegen der starken Patina, für ein sehr schlammiges Grün und ein tiefdunkles Ochsenblutrot. Übrigens, eine Farbkombination, die bei den Adler Werken etwas später, für den Favorit, auch benutzt wurden.

Transport nach Marokko, der Adler am Set

Dann war es soweit: Am 28.Dezember 2007, morgens um 08:00 Uhr wurde der Adler auf den Trailer geladen, die Planen verzurrt, an den Jeep angekoppelt, und dann fuhr der Konvoi bestehend aus einem LKW, einem Van und dem Adler-Gespann in Berlin los. Von Berlin aus ging es über die Autobahn nach Tanger und es passierte, was natürlich meistens passiert, die Fahrzeuge blieben 3 Tage im Hafen von Tanger hängen (mehr dazu im Produkionstagebuch). Am 4. Januar traf der Konvoi endlich in Ouarzazat ein.

Der Mechaniker und sein Team versuchen den Adler für den nächsten Dreh startklar zu machen – Foto: Ali SchmidtWährend des Drehs in Marokko (15. und 28. Januar) und später in Deutschland (12. und 25. Februar) versuchten die Mechaniker die Kinderkrankheiten, wie die unzureichende Benzinzufuhr, den nassen Schwimmer usw. zu behandeln, was ihnen nur teilweise gelang. Es ist natürlich extrem stressig, unter dem Druck, dass das Auto in einer Stunde wieder funktionieren muss, eine Reparatur durchzuführen. Man kann zwar löten, abschmirgeln, Zündkerzen reinigen, etc - wir hatten z.B. 10 Sätze Zündkerzen dabei, aber selbst diese reichten nicht – und natürlich bekommt man vor Ort nicht mal so eben und schnell exakt die richtige Größe, die benötigt wird.

Das Team schleppt den Adler am Set in der marokkanischen Wüste ab – Foto: Ali SchmidtFazit: Manchmal fuhr der Adler, manchmal holperte er, mal stand er und wurde repariert oder wir warteten auf Ersatzteile. Dann wieder wurde er gezogen und/oder geschoben. Eigentlich passierte uns genau das, was im Tagebuch von Carl-Axel Söderström geschrieben stand und im Originalfilm „Im Auto durch zwei Welten“ zu sehen ist. Nur, Carl-Axel Söderström und Clärenore Stinnes konnten bzw. mussten die Zeit aufbringen, teilweise wochenlang auf Ersatzteile zu warten. Ihre Reise dauerte insgesamt zweieinhalb Jahre. Vermutlich entspricht das am Ende der Produktionsdauer des Films „Fräulein Stinnes fährt um die Welt“ inklusive Suche und Restaurierung des Adlers.

Text: Anina Diener, Szenenbildnerin